Komplextrauma
Was ist ein Komplextrauma?
Ein Komplextrauma kann entstehen, wenn Menschen wiederholt oder über längere Zeit Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder andere traumatische Situationen erleben – insbesondere wenn sie diesen nicht aus eigener Kraft entkommen können. Das kann bereits in der Kindheit geschehen, aber auch im Erwachsenenalter, zum Beispiel in gewaltvollen, kontrollierenden oder abhängigen Beziehungen.
Bei einer komplexen Traumatisierung wirken sich die Erfahrungen häufig nicht nur auf einzelne Erinnerungen aus. Sie können das eigene Selbstbild, den Umgang mit Gefühlen, das Vertrauen in andere Menschen, Beziehungen, Grenzen und das Erleben von Sicherheit nachhaltig beeinflussen.
Wie kann sich ein Komplextrauma im Alltag zeigen?
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, ständig auf der Hut zu sein oder Schwierigkeiten zu haben, wirklich zur Ruhe zu kommen. Vielleicht passen Sie sich sehr stark an andere an, spüren die eigenen Bedürfnisse kaum oder haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie „Nein“ sagen.
In Beziehungen kann es schwer sein, Nähe zuzulassen und gleichzeitig die eigenen Grenzen zu wahren. Vielleicht besteht ein großer Wunsch nach Verbundenheit und gleichzeitig die Angst, verletzt, verlassen oder vereinnahmt zu werden. Manche Menschen ziehen sich zurück, sobald es emotional eng wird, andere halten sehr lange in Beziehungen aus, die ihnen nicht guttun.
Auch starke Selbstkritik, Scham, Schuldgefühle, ein wenig stabiles Selbstwertgefühl oder das Gefühl, irgendwie „anders“ zu sein, können eine Rolle spielen. Manche Menschen funktionieren nach außen sehr gut und merken erst später, wie viel Kraft sie das kostet.
Auch der Körper kann auf frühere Traumatisierungen reagieren – etwa durch anhaltende Anspannung, innere Unruhe, Schlafprobleme oder das Gefühl, die eigenen körperlichen und emotionalen Signale nur schwer wahrnehmen zu können.
Begleitung bei komplexer Traumatisierung
In der Therapie geht es zunächst darum, besser zu verstehen, was heute geschieht und welche Zusammenhänge zu den früheren traumatischen Erfahrungen bestehen können. Wir schauen gemeinsam auf wiederkehrende Muster: Wie erleben Sie Nähe und Distanz? Was passiert, wenn jemand Ihre Grenzen überschreitet? Wie reagieren Sie in Konflikten? Was geschieht, wenn starke Gefühle auftauchen? Und was brauchen Sie, um sich heute sicherer zu fühlen?
Dabei steht für mich nicht im Vordergrund, möglichst schnell über das Erlebte zu sprechen. Gerade bei einer komplexen Traumatisierung ist es wichtig, zunächst Stabilität und Sicherheit zu entwickeln und die eigenen Möglichkeiten zur Regulation zu stärken. Von dort aus kann es Schritt für Schritt darum gehen, traumatische Erfahrungen einzuordnen und zu verarbeiten. Ziel ist, dass die Vergangenheit das heutige Leben weniger bestimmt und wieder mehr Freiheit entsteht – im Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit den eigenen Bedürfnissen und Grenzen.
„Ein Trauma lebt nicht im Ereignis, es lebt im Nervensystem.“
Peter Levine
Blogartikel zum Thema: Trauma
- Neurogenes ZitternIch begleite traumasensitive Körperarbeit, bei der das Nervensystem durch bewusste, vorbereitende Übungen eingeladen wird, gebundene Stressaktivierung über feines, autonom entstehendes Zittern und sanfte Schwingbewegungen zu regulieren.

